Ballade vom alten Seemann

in sieben Teilen

von Samuel Taylor Coleridge

Teil I
Ein Seemann mit grauem Bart
hält einen von  drei Gästen an:
„Bei deinen funkelnden Augen,
was willst du von mir, Mann?
 
Das Haus des Bräut’gams steht offen,
ich gehör zu den nächsten Verwandten.
Die Gäste sind versammelt zum Mahl –
hörst du die Musikanten?
 
Er hält ihn mit dünnhäut’ger Hand
und sagt: »Da war ein Schiff!«
»Du Narr mit dem grauen Barte,
laß mich los!« Er lockert den Griff,
 
bannt ihn mit funkelndem Auge.
Der Hochzeitsgast steht still
und lauscht ihm wie ein dreijähr’ges Kind –
der Seemann hat, was er will.
 
Der Gast setzte sich auf einen Stein,
er hatte keine Wahl, mußte lauschen,
und so fuhr leuchtenden Auges fort
der Alte rauschend zu plauschen:
 
Unter Hurra machten wir klar,
verließen den Hafen frank,
wegsank die Kirche, wegsank der Hügel,
die Leuchtturmspitze wegsank.
 
Der Sonnenball kam herauf zur Linken,
aus dem Meer kam er!
und er schien hell und versank dann schnell
zur Rechten in dem Meer.
 
Höher und höher jeden Tag,
bis er mittags stand überm Mast…«
Hier hört das Fagott und schlägt sich die Brust
der lauschende Hochzeitsgast.
 
Die Braut hat die Halle betreten,
rot wie eine Rose ist sie,
nickend geht ihr die Kapelle voran,
intoniert ihre Melodie.
 
Der Hochzeitsgast schlug sich an die Brust,
doch blieb ihm keine Wahl.
und so fuhr der alte Seemann fort,
getrieben von innerer Qual:
 
Jetzt kam die Windsbraut,
sie war grausam und stark,
sie packte uns mit ihren Klauen
und jagte gen Süden die Bark.
 
„Mit abfallenden Masten und schlürfendem Bug,
wie jemand, den ein Schreiender schlug
und auf seinen Schatten eintritt mit Fug
und nach vorne sich flüchtend streckt,
so raste das Schiff, und die Windsbraut pfiff,
und gen Süden sind wir getreckt.
 
Nun kamen Nebel und Schnee,
es wurde bitterlich kalt,
und Eis, über masthoch, vorbei an uns flog,
so grün wie ein Esmerald.
 
Aus den kalten Klüften, den schneeigen Grüften
drang ein trostloses Weiß,
die Gestalten weder von Menschen noch Tieren
erkannten wir – überall Eis!
 
Das Eis war hier, das Eis war dort –
nichts als Eis ringsumher,
es jaulte und brüllte, krachte und schrillte,
als fiele in Ohnmacht das Meer.
 
Doch dann kam vorbei mit lautem Geschrei
ein Albatros durch den Dunst,
und als wäre er keine Schimäre,
riefen wir ihn an in frommer Brunst.
 
Er flog um uns herum, fraß sich um und dumm,
die ganze Schüssel fraß er aus.
Das Eis, es zersprang mit donnerndem Klang,
der Steuermann fuhr uns hinaus.
 
Guter Südwind kam hinter uns auf,
der Albatros folgte uns, o,
für Tage viel, zu Füttern und Spiel,
gehorsam auf unser Hallo!
 
Auf Mast oder Rah, bis das Gräßliche geschah,
baumte er neun Abende auf,
während nächtlich-hehr auf dem Nebelmeer
sich spiegelte des Mondes Lauf.«
 
»Gott schütze dich, alter Seemann,
vor der Geister plagendem Troß!
Du schaust ohne Lust!« »Mit meiner Armbrust
erschoß ich den Albatros.
Teil II

Der Sonnenball kam herauf zur Rechten,
aus dem Meer kam er,
umnebelt und rot und versank wie tot
zur Linken in das Meer.

Der gute Südwind blies immer noch,
kein Albatros folgte uns, o,
für Tage viel, für Futter und Spiel
gehorsam auf unser Hallo.

Es war nun zu rächen ein höllisch Verbrechen,
Unglück würd‘ bringen dies,
ich hörte sie sagen, „er hat den Vogel erschlagen,
der die Brise blasen ließ.“
„Schuft!“ schrien sie, „du hast gemordet das Vieh,
das die Brise blasen ließ!“

Klar und weiß, wie auf Gottes Geheiß,
stieg herrlich die Sonn‘ aus der Nacht,
ich hörte sie sagen: „Er hat den Vogel erschlagen,
der Nebel und Dunst uns gebracht!“
„Es war recht,“ schrien sie, „zu morden das Vieh,
das Nebel und Dunst uns gebracht.“

Das Schifflein, es flitzte, der Schaum, er spritzte,
das Kielwasser folgte im Dreh,
als erste sind wir vorgestoßen bis hier,
in diese pazifische See.

Doch die Winde erstarben, die Segel verdarben,
trauriger konnte es nicht sein.
Unser mühsames Sprechen konnte nicht brechen
das Schweigen des Meeres wie Schrein

An einem Himmel aus glühndem Metall
stand mittags der blutige Sonnenball,
er stand wie gewohnt, so klein wie der Mond,
am Mast vibrierend im All.

Tage um Tage, Tage um Tage
lagen wir fest ohne Regung,
wie ein Schiff auf ’nem Bild daliegt gestillt
im gemalten Meer ohne Bewegung.

Wasser, Wasser überall,
die Planken schrumpfen und stinken,
Wasser, Wasser überall,
und nirgends ein Tropfen zu trinken.

Die Tiefe selbst verfaulte – o je,
wo kommt soviel Hitze her?
Kreaturen aus Schleim krochen Bein hinter Bein
herauf aus dem schleimigen Meer.

und um uns herum in gespenstischem Reigen
tanzten Totenfeuer bei Nacht,
das Wasser flammte/ wie das Öl, das verdammte,
in grüner, blauer und weißer Pracht.

Einigen zeigte sich im Traum
der Geist, der uns plagte so sehr:
Hinterher er uns lief neun Faden tief,
aus dem Eis- und Nebelmeer.

Von der furchtbaren Trockenheit
war jede Zung‘ bis zur Wurzel verdorben,
wir konnten nicht sprechen,/kein Brot mehr brechen,
unsre Kehlen waren gestorben

O Schreckenstag, von Alt und Jung
was für Blicke mußt‘ ich erleben!
Dann haben sie mir den Albatros
wie ein Kreuz zu tragen gegeben.

Teil III

Die Zeit verging. Die Kehlen warn verdorrt.
die Augen glasig-beschlagen.
Und wieder war’s trüb und roch nach Mord.
Doch als ich westwärts schaute, sah
ich am Horizont was ragen.

Zuerst schien es nur ein kleiner Fleck,
dann eine Wolke, ’ne feuchte.
Es kam und kam/ und zum Schluß nahm
es bestimmte Form an, wie mich deuchte.

Ein Fleck, eine Wolke, ’ne Form,
und kam immer näher gereist,
es tauchte, wandte und drehte sich,
als flöh’s vor ’nem Wassergeist.

Mit Kehlen, gestorben, und Lippen, verdorben,
warn wir nicht traurig, nicht kregel.
Wir standen vertrocknet in stummer Wut,
ich biß in den Arm und sog mein Blut
und schrie: „Ein Segel! Ein Segel!“

Mit Kehlen, gestorben, und Lippen, verdorben,
Maul offen, sich selber zur Bürde,
„O Gnade!“ hörte ich sie lautlos schrein,
dann zog die Mannschaft den Atem ein,
wie wenn sie trinken würde.

„Seht, seht!“ schrie ich, „sie dreht nicht bei!
Her treibt sie ihre Crew!
Ohne Strömung und ohne Rückenwind
hält sie geradeswegs auf uns zu!“

Das Westmeer stand in Flammen ganz,
es war kurz vor Nachteinfall.
Auf der Kimme des Westmeers lag
der breite Sonnenball,
vor den sich plötzlich etwas schob,
vor den ruhenden Sonnenball.

Streifen durchzogen plötzlich ihn –
Mutter Gottes, dich unser erbarm!
als schaute ein breites Angesicht
durch ein Kerkergitter voll Harm.

O weh! dachte ich, Herz, bitte nicht brich!
wie es näher und näher grinst!
Sind das ihre Segel? Sie flattern wie Vögel,
wie Altweibersommergespinst!

Sind das, wodurch der Sonnenball rot
wie durch ein Gitter schaut,
etwa die Spanten? Und ist das Weib
dort die ganze Besatzung? Ist das der Tod?
Sind es zwei mit nur einem Leib?
Ist der Tod ihr angetraut?

Ihre Locken waren so gelb wie Gold,
ihre Blicke warn frei, ihre Lippen warn rot,
ihre Haut war so weiß wie Leprösenhaut,
sie war das Gespenst, das das Blut anstaut,
das Gespenst „Leben-im-Tod“.

Längsseits legte sich nackter Rumpf,
und das Zwillingspaar spielte mit Knöcheln.
„Das Spiel ist zerronnen. Ich habe gewonnen!“
hörte ich das Weib pfeifen und röcheln.

Der letzte Sonnenrest verschwand,
die Sterne brachen hervor.
Die Geisterbarke schoß davon –
ich hörte wispernden Chor.

Wir horchten und grinsten mit scheler Grimasse,
und aus meinem Herzen wie aus ’ner Tasse
schlürfte mein Blut das Grauen.
Die Sterne warn trübe, die Nacht war schwül,
des Steuermanns weißes Gesicht mir auffiel,

von den Segeln begann es zu tauen –
bis dann am östlichen Horizont
die Mondsichel aufstieg, fast unbesonnt,
gefolgt von ’nem Stern, ’nem flauen.

Beim Licht des Mondes und seines Hunds,
zu schnell, um nach Seufzern zu suchen,
schauten Mann für Mann/ sie mich jammervoll an
und um mich stumm zu verfluchen.

Viermal fünfzig lebende Männer
(ich hörte kein Seufzen, kein Janken)
mit dumpfem Plump/ als lebloser Klump
fielen einer nach dem andern auf die Planken.

Die Seelen flohen aus ihren Körpern
zu ewiger Qual oder Lust,
und sie schwirrten an mir vorüber wie
Pfeile von meiner Armbrust.«

Teil IV

»Ich fürchte dich, alter Seemann!
Ich fürchte deine hautige Hand!
und du bist lang und schlank und grau
wie am Strand der gerippte Sand!

Ich fürchte dich und dein funkelndes Aug‘
und die hautige, braune Hand!«
»Fürchte dich nicht, o Hochzeitsgast,
denn dieser mein Körper – hielt stand!

Allein, allein,/ ganz, ganz allein,
allein auf dem Meere kahl,
und kein einziger Heil’ger erbarmte sich
meiner Seele in ihrer Qual.

Die vielen, so schönen Männer,
ihr aller Leben verblich!
und tausende schleimiger Wesen
lebten weiter – wie auch ich.

Ich sah auf das verrottende Meer –
mocht’s länger nicht ausloten.
Ich sah auf das verrottende Deck –
da lagen die Männer, die toten.

Ich sah zum Himmel auf, wollte beten,
doch bevor ein Gebet sich ergoß,
kam ein gottloses Wispern über mich,
das mir Herz und Lippen verschloß.

Ich senkte die Lider und hielt sie zu,
das Herz ließ die Augäpfel pochen,
denn Meer und Himmel und Himmel und Meer
lagen auf den Augen so schwer,
die Männer wie abgestochen.

Von ihren Gliedern rann kalter Schweiß,
sie rochen und rotteten nicht,
sie hielten über mich unwandelbar
mit starren Blicken Gericht!

Einer Waise Fluch kann die Seele doch,
die zum Himmel strebt, verderben.
Aber ach! viel furchtbarer noch
ist der Fluch aus den Augenscherben
von Toten, wie er mich traf ’ne ganze Woch‘ –
ich wollte und konnte nicht sterben.

Frau Luna wanderte am Firmament,
und nirgends hielt sie es aus,
mit ein paar Sternen zog sie ihre Bahn
gar sanft durch die Weiten des Blaus.

Ihr Strahlen spottete des Meers
wie Rauhreif im April.
Doch wo des Schiffs riesiger Schatten lag,
das verzauberte Wasser, es brannte zag
in einem Rot, furchtbar und still.

Jenseits des Schattens aber sah
ich Wasserschlangen locken.
Sie zogen Spuren von leuchtendem Weiß,
sie bäumten sich heiß,/ dann fiel mit Gegleiß
das Geisterlicht ab in Flocken.

Im Schatten des Schiffes nahm ich wahr
ihr Aussehen herrlich und teuer:
Blau, glänzend grün und wie schwarzer Samt
schlängeltet ihr euch, und wo ihr schwammt,
hinterließt ihr goldenes Feuer.

O ihr glücklichen Wesen! Keine Zunge
kann eure Schönheit beweisen,
Liebe sich aus meinem Herzen ergoß,
und ich mußte sie unbewußt preisen,
erbarmend das heilige Herz überfloß,
und ich mußte sie unbewußt preisen.

Das entriegelte mein Gebet
und machte den Nacken frei,
der Albatros fiel hinab und versank
im Meer wie ein sinkendes Blei.

Teil V

O Schlaf, du bist ein sanftes Ding,
geliebt von Pol zu Pol,
Maria, Königin, sandte ihn
vom Himmel herab, ich spürte ihn ziehn
in meine Seele hohl.

Die albernen Eimer, die auf dem Deck
so nutzlos waren zugegen,
ich träumte, sie wären mit Tau gefüllt,
und als ich erwachte, fiel Regen.

Meine Lippen warn naß, meine Kehle war kalt,
meine Kleider waren klamm,
ich hab wohl getrunken im Traum des Traums,
mein Leib sog sich voll wie ein Schwamm.

Ich zuckte – und spürte die Glieder nicht,
ich war so leicht, beinah
war mir, als wär ich gestorben im Schlaf
und sänge Halleluja.

Bald darauf hörte ich Sturmgebraus,
das blieb zwar fern, doch gerissen
hat an den Segeln das wilde Gejaul,
die waren so dünn und zerschlissen.

In höherer Luftschicht brach Leben hervor,
ich sah hundert Flaggen in Flammen,
sie wirbelten oben von rechts nach links,
von oben nach unten und tanzten rings
mit den bleichen Sternen zusammen.

Wind kam auf und rauschte,
kaum Halt in den Segeln er fand,
eine schwarze Wolke goß Regen herab,
an ihrem Rande die Mondin stand.

Die Wolke wurde gespalten,
noch immer im Mondinnenglanz
und zackenfrei wie ein Wasserfall
fiel ein Blitz hernieder mit lautem Knall,
wie ein Fluß in rasendem Tanz.

Der röhrende Wind ergriff nicht das Schiff,
und dennoch bewegte es sich.
In Mond- und Blitzlicht seufzten
die Toten fürchterlich.

Sie seufzten, bewegten sich, standen auf,
doch schwiegen sie, starrten mich an,
und selbst im Traum wär’s Wahnsinn gewesen,
sie aufstehn zu sehn Mann für Mann.

Der Steuermann steuerte, fahr, Schiff, fahr!
Nicht der geringste Wind blies.
Die Seeleute gingen an die Taue, wie’s
immer ihre Gewohnheit war.
Sie bewegten sich wie Marionetten,
wie ein Ballett von Skeletten.

Der Körper meines Neffen
stand neben mir Knie an Knie.
Wir wollten zusammen ein Segel reffen
und schwiegen wie dumpfes Vieh.«

»Ich fürchte dich, alter Seemann!«
»Sei, lieber Gast, unbeschwert!
Nicht die entwichenen Seelen waren
zurück in die Leiber gekehrt,
sondern seliger Geister Scharen.

Morgens fielen ihre Arme herunter,
sie drängten sich um den Mast,
süße Töne erhoben sich aus den Mündern
und aus ihrer Leiber Last.

Herum, herum flog süßes Gesumm,
dann hinauf zum Sonnenball,
dann hörte ich, gemischt und vereinzelt,
von dort einen Widerhall.

Manchmal hört‘ ich vom Himmel herab
die Lerche ihr Liedchen singen,
und manchmal war mir, als ließen verliebt
alle Vögel, die es auf Erden gibt,
ihr süßes Gezwitscher erklingen.

Mal klang es nach vielen Instrumenten,
dann, wie wenn ein Einsamer flötet,
dann wieder klang es wie Engelsgesang,
vor dem der schweigende Himmel errötet.

Er verstummte; doch die Segel
bis Mittag sich haben gebauscht,
und wie ein verborgener Bach im Juni
haben sie laubig gerauscht,
ein Bach, der bei Nacht dem stillen Wald
sein ruhiges Lied vorplauscht.
<p“>Bis Mittag segelten wir ruhig fort,
doch kein Lüftchen hat sich geregt.
Langsam und leicht glitt das Schiff dahin,
von unten her bewegt.

Unter dem Kiel, neun Faden tief,
aus dem Land von Nebel und Schnee
schwamm der Geist, und es war seine Kraft,
die uns gleiten ließ durch die See.
Doch mittags verstummte der Segelgesang,
und die Brigg stand still, o weh!

Der Sonnenball an des Mastes Spitze
hatte sie festgebannt auf dem Meer.
Doch nach einer Minute rührte sie sich,
sie sprang gleichsam hin und her,
rückwärts und vorwärts die halbe Länge
sprang sie hin und her.

Dann wie ein ungeduldiges Roß
buckelte sie empor.
Das sog mir das Blut aus meinem Kopf,
so daß ich’s Bewußtsein verlor.

Wie lange ich bewußtlos lag,
vermag ich nicht zu sagen.
Doch bevor ich wieder wurde wach,
hört‘ ich in meinem Innern, ach,
zwei luftige Stimmen klagen.

„Ist das der Mann?“ rief eine. „Bei ihm,
der am Kreuz sein Leben beschloß,
Mit seinem grausamen Bogen killte
er den arglosen Albatros.

Der Geist, der ganz alleine wohnt
im Land von Nebel und Schnee,
er liebte den Vogel, der liebte den Menschen,
der fügte ihm zu tödlich Weh.“

Die andere war eine mildere Stimme,
mild wie honigsüßer Monsun.
Sie sprach: „Der Mann hat Buße getan,
er wird noch mehr Buße tun.“

Teil VI

Erste Stimme

„Doch sag mir, sag mir, sag’s noch mal,
mein milderer Kumpan:
Wie kommt so schnell voran die Brigg,
treibt sie der Ozean?“

Zweite Stimme

„Reglos wie der Sklave vorm Herrn,
liegt der Ozean ohne Wind.
Sein großes helles Auge still
empor zur Mondin sinnt –

um zu erfahren, wohin sie ihn führt,
denn sanft oder grimmig, sie hält Disziplin.
Sieh, Bruder, sieh, wie zärtlich fast
blickt sie herab auf ihn!“

Erste Stimme

„Doch warum fährt das Schiff so schnell
ohne Strömung und ohne Wind?“

Zweite Stimme

„Die Luft wird vorne weggesaugt
und schließt sich dahinter gelind.

Flieg, Bruder, flieg – und höher, höher,
wir verspäten uns sonst ein Stück.
Die Brigg wird um so langsamer fahrn,
kehrt zu Bewußtsein der Seemann zurück.“

Ich erwachte, unsere Fahrt ging voran,
als spannte Wind die Schoten.
Die Nacht war ruhig, der Mond stand hoch,
beisammen standen die Toten.

Sie standen beisammen auf dem Deck,
einem Beinhaus vergleichbar,
schauten mich an mit den Augen aus Stein,
wie die Mondin, so unerreichbar.

Die Qual, der Fluch, mit dem sie starben,
war nie hinweggeschwunden,
ich konnte die Augen von ihnen nicht wenden,
hab nicht zum Gebet gefunden.

Dann aber brach der Bann: Ich sah
noch einmal hinaus aufs grüne Meer,
doch von all dem, was ich früher dort sah,
war gefegt es leer.

Wie einer, der in Schrecken und Angst
die einsame Straße zieht,
den Kopf mal wendet und weitergeht,
ab jetzt nicht mehr hinter sich sieht,
weil er weiß, ihm folgt ein grausamer Feind
vor dem er vergebens flieht.

Doch bald umwehte mich ein Wind,
geräuschlos und ohne Bewegung,
keine Spur war auf dem Meer zu sehn,
kein Kräuseln, keine Regung.

Er hob mir das Haar, wie ein Wiesenwind
im Frühling die Wangen streicht,
mischte sich mit meinen Ängsten,
doch schien er mir geneigt.

Eilig, eilig flog die Brigg
und blieb dabei ganz stet.
Süß, so süß die Brise blies,
und hat nur mich umweht.

O Freudentraum! Hab wirklich ich
die Spitze des Leuchtturms erkannt?
Ist das der Hügel? das die Kirche?
das mein Heimatland?

Ich betete, als wir glitten in
die Einfahrt zum Heimathafen:
„O laß mich wachen, Herr, mein Gott,
oder für immer schlafen!“

Die Hafenbucht dehnte klar wie Glas
sich ruhig und still ins Weite,
Frau Lunas Licht die Bucht beschien,
auch das ihrer dunklen Seite.

Der Fels schien hell, die Kirche auch,
die steht auf dem Felsenzahn,
und in der Helle ohne Hauch
stand still der Wetterhahn.

Der Hafen war weiß vom stillen Licht,
bis sich erhoben über ihn
viele Gestalten, die Schatten waren,
und herankamen karmesin.

Nicht weit vor dem Bug bewegten sich
diese karmesinroten Schatten,
ich wandte zum Deck die Augen, die
nur nach vorne gesehen hatten.

O Christus, was sah ich! Die Leichen lagen
flach, leblos hingestreckt,
und auf jeder hat ein seraphischer Mann
die Lichtgestalt aufgereckt!

Jeder dieser Seraphen winkte mir
mit seiner Himmelshand,
jeder gab von sich ein liebliches Licht,
als gäb er Signale dem Land.

Jeder winkte mit seiner Hand,
ihnen war keine Stimme verliehn;
keine Stimme, doch ach, die Stille sank
ins Herz mir wie Melodien.

Doch bald vernahm ich Ruderschläge,
hörte den Lotsenruf,
das drehte mir den Kopf herum,
ein Boot kam heran von Luv.

Der Lotse und der Lotsenjunge
kamen schnell heran.
Gott im Himmel, das war eine Freude,
die kein Toter trüben kann.

Ich sah einen Dritten, hörte die Stimme,
die Stimme des Eremiten!
laut singt er Hymnen, die er im Wald
ersinnt bei frommen Riten.
Er wird mich rein’gen vom Albatrosblut,
mich erlösen vom Los des Banditen.

Teil VII

Im Wald, der hinab zur Küste,
sich zieht, lebt der fromme alte Mann,
Seine Stimme kraftvoll ertönt,
gern er mit Seeleuten klönt,
wenn sie kommen aus fernen Ländern an.

Morgens, mittags und abends kniet
er auf weichen Kissen:
dem Moos, das wächst auf dem Eichenstrunk,
verrottet und gerissen.

Der Nachen kam näher, und jemand sprach:
„Das deucht mich sonderbar!
Wir sahen doch Lichtsignale!
Wohin sind die Lichter so klar?“

„Seltsam, bei Gott!“ rief der Eremit,
„sie ließen auch Antwort vermissen.
Die Planken sind krumm, und sieh diese Segel,
wie dünn sie sind und zerschlissen!
Noch nie sah ich etwas ähnliches –
mit Ausnahm des Blatts, das gerissen

vom Ast, nichts ist als ein dürres Skelett,
das mit dem Bächlein springt,
wenn unterm Schnee der Efeubusch kracht,
und die Eule zum Wolf niederlacht,
der die Jungen der Wölfin verschlingt.“

„Großer Gott, es sieht gespenstisch aus!“
der Lotse Angst verriet.
„Ich fürchte mich!“ „Rudre nur voran!“
erwiderte der Eremit.

Das Boot kam näher, ich habe mich nicht
mich zu rührn, was zu sagen getraut.
Das Boot lag nahe unter dem Schiff,
da vernahm man einen Laut.

Unter dem Wasser rumorte es,
dumpf und laut wie ein Schrei.
Es erreichte das Schiff, zerriß die Bucht –
das Schiff ging unter wie Blei.

Betäubt von dem lauten und furchtbaren Lärm,
Der Himmel und Meer ließ krachen,
wie einer, der vor Tagen ertrank,
trieb ich in Wassers Rachen.
Doch schnell wie im Traum fand ich mich wieder
in des Lotsen hölzernem Nachen.

Auf dem Strudel, wo das Schiff versank,
das Boot wie ein Kreisel wallte,
und alles war still, außer daß vom Berg
das Getöse widerhallte.

Ich bewegte die Lippen, der Lotse schrie
und fiel in Ohnmacht blaß.
Der heilige Eremit blickte auf
und betete, wo er saß.

Ich nahm die Ruder. Der Lotsenjunge,
der heute verwirrt ist sehr,
lachte laut, und die ganze Zeit
seine Augen gingen hin und her,
„Ha, ha!“ rief er, „klar sehe ich,
der Teufel kann rudern, meiner Ehr!“

und nun, in meinem Heimatland,
stand ich auf festem Boden.
Der Eremit, er konnte kaum stehn
auf den Füßen, den maroden.

„Erlöse, erlöse mich, heiliger Mann!“
Er bekreuzigte sich im Nu:
„Sag schnell,“ sprach er, „ich bitte dich, sag,
was für eine Sorte Mensch bist du?“

Sogleich begann diesen meinen Leib, ach,
ein furchtbarer Schmerz zu durchrinnen.
Ich mußte zu erzählen beginnen,
dann ließ er wieder nach.

Seitdem kehrt dann und wann zurück
dieser Anfall von rasendem Schmerz,
und bis ich das Gräßliche habe erzählt,
brennt in mir mein Herz.

Ich geh wie die Nacht von Land zu Land
und spreche die Sprache, die dichte.
Sobald ich sehe bestimmten Mann
halt ich ihn als meinen Zuhörer an
und lehre ich ihn meine Geschichte.

Was für ein Lärm jetzt aus der Tür
des Hochzeithauses weht!
Die Braut aber mit den singenden Jungfern
in der Laube im Garten steht –
und horch! die kleine Vesperglocke
ruft mich zum Gebet!

O Hochzeitsgast, diese Seele war
auf dem weiten Meer so allein!
So einsam war sie, daß selbst Gott
schien nicht mehr da zu sein.

Schöner als das Hochzeitsfest,
viel schöner ist es für mich,
zur Kirche zu gehen nicht allein,
in Gesellschaft, ansehnlich.

Zusammen zur Kirche gehen und
gemeinsam am Beten sich laben:
Wenn sich alle vorm großen Vater beugen,
Männer, Kinder und Freunde Demut bezeugen,
holde Mädchen und schöne Knaben.

Lebwohl, lebwohl, du Hochzeitsgast,
nur noch dieses sag ich dir:
Nur der betet gut, der von Herzen liebt
den Menschen, den Vogel, das Tier.

Am besten betet, der von Herzen liebt
alle Kreatur, ob klein, ob groß,
denn sie alle kamen hervor aus des lieben
Gottes und Schöpfers Schoß.«

Der Seemann mit dem hellen Blick
und dem altersgrauen Bart
ist gegangen, doch der Hochzeitsgast
hat auch nicht mehr länger geharrt.

Er wandte sich ab von des Bräutigams Tür
wie einer betäubt von Sorgen.
Als ein ernsterer und weiserer Mann
stand er auf am nächsten Morgen.