Leinen los

Um kurz vor sieben ist „Reise Reise“. Jetzt schnell unter die Dusche und neue Sachen angezogen. Das Frühstück tut ein übriges, um die letzten Spinnweben zu vertreiben. Das Deck ist naß vom morgendlichen Tau. Die Sonne geht über New York auf. Bald erscheinen die ersten Trainees mit Sack und Pack. Ich bin froh, daß ich schon am Vortag angereist bin. Unter Deck wird jetzt überall ausgepackt, und John verteilt die Wachen neu, um möglichst allen Wünschen gerecht zu werden. Mit einer Eselsgeduld schafft er es, nahezu alle Wünsche zu erfüllen. Bald stehen alle Trainees in Gruppen an Deck, und manche frischen alte Bekanntschaften auf. Die Wachen sind jetzt vollzählig, und wir machen uns gegenseitig bekannt. Auf den ersten Eindruck scheine ich es ganz gut getroffen zu haben. Wir Trainees sind ein buntes Gemisch aus aller Herren Länder. Englisch ist die vorherrschende Sprache, da sie von allen gesprochen wird. Das Auslaufen ist für zwei Uhr geplant. John hat alle Pässe eingesammelt, damit das Ausklarieren zügig vonstatten geht.

Um drei ist der Zoll fertig mit allen Formalitäten. Der Lotse kommt an Bord. Unter der lautstarken Anleitung von Uwe wird die Gangway eingeholt. An Land werfen ein Paar Schauerleute die Leinen los. Ein Hafenschlepper zieht uns von der Pier in die Mitte des Hudson, und langsam dreht die ,,Stadsraad Lehmkuhl“ in Richtung auf die offene See. Wir laufen an der Skyline von New York vorbei und sehen die Lücke, die die Tat einiger Wahnsinniger geschlagen hat. Aus den Trümmern des WTC steigt immer noch Rauch auf. An Steuerbord voraus ist bald die Freiheitsstatue zu erkennen. Wir passieren in etwa fünf Kabellängen Abstand, ein Gaffelschoner ist auf Gegenkurs zu sehen. Wir passieren eine riesige Brücke, und in der Höhe von ,,Ambrose Light“ geht gegen sechs Uhr der Lotse von Bord. Die Sonne geht achtern über der im Dunst verschwindenden amerikanischen Küste unter. Dies wird für die nächsten Wochen das letzte Land sein, von jetzt an geht es ostwärts den Azoren entgegen.

Die Seewachen beginnen jetzt. Um acht an Deck zur ersten Musterung. Wir lernen unseren Wachführer Ramond und seine Helfer kennen. Nach einigen Anläufen klappt auch die erste Musterung. Wir werden jetzt an ein Paar Taue eingeteilt, und es geht ans Setzen der Stagsegel. Dies getan, macht die Stammbesatzung die ersten Rahsegel los, und wir setzen zunächst den „,Forre stump“ und den „Store stump“ dann folgen „Forre mars“ und „Store mars“, zuletzt noch „Fokk“ und „Storseil“. Die Kommandosprache ist größtenteils Englisch mit einigen Teilen Norwegisch. Vor allem die Segel und Leinenbezeichnungen sind in Norwegisch. Auch üben wir die Kommandos zum Handhaben der Enden. Ein Pfiff heißt holen, zwei Pfiffe festholen, dann „kom smut“ losegeben, und zuletzt „kom up“ loslassen. Vor allem die beiden Marssegel sind anstrengend, die Rahen werden zum Festmachen der Segel heruntergelassen, um den Schwerpunkt nach unten zu verlagern. Beim Setzen müssen die Rahen, nachdem die Segel losgemacht und die Schoten angeholt sind, wieder nach oben geholt werden. Jede Rah wiegt etwas über drei Tonnen. Nur mit Unterstützung einer sechsscheibigen Talje, ist das eine ganz schöne Schinderei

Um zwölf ist Wachablösung. Ich nehme mir jetzt die Zeit, die Umgebung auf mich wirken zu lassen. An Backbord sind in der Ferne noch einige Leuchtfeuer zu erkennen. Über uns spannt sich ein grandioser mondloser Nachthimmel. Zum ersten Mal habe ich diesen Anblick vor Augen. So klar habe ich nach meinem Wissen die Sterne noch nie gesehen. Ich lasse die Weite und Ruhe auf mich wirken. Wir laufen jetzt bei leichten Wind aus südwestlicher Richtung zum ersten Mal unter Segeln. Die rote Wache ist dabei, die restlichen Segel zu setzen, als ich mich in die Hängematte verziehe