Nach Brest

27.11.2001

Der Nordostwind drückt das Schiff gegen die Außenmole, deshalb zieht uns um vier Uhr nachmittags ein Schlepper von der Pier und bietet Unterstützung beim Drehen des Schiffes. Wir nehmen jetzt Kurs auf Brest. Achteraus erkennen wir die ,,Christian Radich“, die sich ebenfalls zum Auslaufen fertigmacht. Sobald wir den Hafen verlassen haben, beginnen wieder die Seewachen. Wir setzen Segel, und bald laufen wir hoch am Wind, der steif aus Nordost weht. Wir machen gute Fahrt. Durch die in Luv liegende Insel Saõ Miguel sind wir noch vom Seegang abgeschirmt. Ich bin mir sicher, da kommt noch einiges auf uns zu. Der Windmesser beim Ruder zeigt etwa sieben bis acht Windstärken an. Bald werden an Deck und in den Schlafräumen Strecktaue gespannt, damit wir bei Seegang Halt finden können.

Je mehr wir aus dem Lee von Saõ Miguel herauskommen, um so mehr nimmt der Seegang zu. Jetzt rächen sich Wein und Essen bei einigen. Sie haben beim Landgang ihre Seebeine eingebüßt. Ein kalter Mond erhellt nun nachts die immer unruhiger werdende See. In der Takelage heult der zunehmende Wind. Die Beseglung wird der Windstärke angepaßt. Die Arbeit wird jetzt sehr anstrengend. Es erfordert viel Kraft, auf den Beinen zu bleiben. Einzelne Regenböen nehmen die Sicht. Danach bescheint der Mond eine unwirklich wirkende Szenerie. Nirgendwo kann man dem Heulen des Windes entgehen. Die ,,Stadsraad Lehmkuhl“ arbeitet jetzt hart in den zunehmenden Seen.


Die Windrichtung ist ungewöhnlich für dieses Seegebiet. Wir können unser Ziel Brest nicht anliegen und laufen mehr oder weniger auf die portugiesische Küste zu. Hoffentlich raumt der Wind in den nächsten Tagen, damit wir Brest anliegen können.

28.10.2001

Immer noch stürmischer Wind aus Nord bis Nordost. Wir steuern Ostkurs. So kommen wir Brest kaum näher. Das Trimmen der Segel wird zur Schwerstarbeit. In der Nacht ist der Getränkebereiter in der Caféteria über Stag gegangen. Das Geschirrspülen erzeugt einigen Bruch. Wir steigen auf Pappteller um. Es ist erstaunlich, daß die beiden Smutjes überhaupt noch ein warmes Essen in der schaukelnden Kombüse kochen können.

Das Laufen wird immer schwieriger. Ich habe das Gefühl, immer bergauf zu gehen. Das Heulen des Windes in der Takelage steigert sich noch. Aus Sicherheitsgründen ist es jetzt nicht mehr möglich zu duschen.

Gegen elf Uhr morgens werde ich wegen eines Telephonanrufs auf die Brücke gerufen. Es ist meine Tochter Alexandra. Sie überrascht mich mit der Nachricht von einem Küchenbrand in unserer Wohnung. Alex ist zum Glück wohlauf, und mit der Hilfe von Heike hat sie soweit alles in die Reihe gebracht, mit den Versicherungen ist schon alles geregelt. Mit gemischten Gefühlen beende ich das Telephonat; was für ein Chaos wird mich wohl zu Hause erwarten. Die trüben Gedanken verblassen jedoch schnell, angesichts der aufgewühlten See wird manches unwichtig, das mich sonst belasten würde. Ich gewinne zusehends Abstand zu den Geschehnissen der letzten Jahre. Die Zeit vergeht wie im Fluge.

Nachts bietet die mondbeschienene See ein fast unwirkliches Bild. Gelegentlich kommt in Luv Spritzwasser über. Die Luft ist voller Salz. Die Lederjacke hat zu Wachende immer einen weißen Überzug. Diese Anschaffung hat sich wirklich gelohnt, bis auf einige Ausnahmen ist die wasserdichte U-Boot-Lederjacke das ideale Kleidungsstück.

29. — 31.10.2001

Wir haben nur noch Sturmbeseglung gesetzt, also die Untermarssegel und die unteren Stagsegel. Der Wind dreht immer mehr auf Nordost. So können wir Brest nicht erreichen. Wir nehmen die Segel weg und laufen unter Maschine in Richtung Brest. Unter Segeln könnten wir höchstens Marokko oder Grönland anlaufen. Das Fahren unter Maschine ist nicht besonders angenehm, da das Schiff so mehr rollt. Wir brassen die Rahen so, daß sie auch ohne Segel unseren Kurs unterstützen. Am 31.10 unternehmen wir einen kurzen Versuch, unter Segel zu gehen. Da wir aber unseren Ankunftstermin gefährden, gehen wir bald wieder unter Maschine.

01.– 05.11.2001

Die Halloween-Nacht bietet mit Vollmond und stark bewegter See ein unglaubliches Bild. Unter einer Regenböe zeigt sich ein weißer Regenbogen. Die ganze Szenerie hat etwas Gespenstisches an sich.

Ich habe von acht Uhr morgens an Brückenwache. Gegen halb neun höre ich an der Backbordseite ein unbekanntes Fauchen oder Schnauben. Ich sehe über die Reling. Nur zehn Meter neben der ,,Stadsraad Lehmkuhl“ schwimmt ein Wal. Er ist so nah, daß ich das Gefühl habe, ihn berühren zu können. Mit unglaublicher Grazie taucht er neben uns, um kurz darauf wieder zu erscheinen. Ich kann sehen, wie er sich unter der Oberfläche auf den Rücken dreht. Nach fünf Minuten scheint er seine Neugier befriedigt zu haben, und mit ein paar mächtigen Schlägen der Schwanzflosse entzieht er sich unseren Blicken. Wir sind alle von diesem Anblick ergriffen.

Wir laufen jetzt ständig unter Maschine, und es ist fraglich, ob wir Brest zum angegebenen Termin erreichen. Während der Wachen sehen wir Filme über die Pamir, die 1957 bei den Azoren verlorenging.


Wir kommen jetzt unter Maschine gut voran. Am Morgen des vierten November nimmt der Schiffsverkehr zu. Zuerst kommen die Schiffe von Backbord auf, danach von Steuerbord. Wir passieren das Fahrttrennungsgebiet am Ausgang des Kanals. Gegen Abend sichten wir die französische Küste. Leuchtfeuer und Tonnen weisen uns in der Dunkelheit den Weg zur Reede von Brest. Dort gehen wir vor Anker. Nachmittags haben wir wie gewohnt die ,,Stadsraad Lehmkuhl“ wieder auf Hochglanz poliert. In der Caféteria bekommen wir dann die Diplome und Anstecker ausgehändigt. Danach singen wir noch einige Shanties und viele hängen ihren Gedanken nach. Die Reise nähert sich unwiderruflich dem Ende.


Zum letzten Mal steigen wir in unsere Hängematten. Die Klamotten sind schon alle gepackt. In der anbrechenden Morgendämmerung kommt der Lotse an Bord. Ein Schlepper nimmt uns auf den Haken, und bald sind zum letzten Mal die Leinen fest. Nach dreieinhalb Wochen sind wir am Ziel angekommen. Wir verabschieden uns. Vielleicht halten einige der gemachten Bekanntschaften. Bald verlassen die ersten die Pier in Richtung Flughafen oder Bahnhof. Ich habe schon im voraus einen Platz in der Bahn reserviert. Nachdem ich das Gepäck aufgegeben habe, besteige ich den Zug in Richtung Deutschland.