Ostwärts

12.10.2001

Sofort nach dem Wecken gehe ich an Deck, um den Sonnenaufgang zu erleben. Genau voraus erhebt sich die Sonne rot über dem Horizont. Wir machen gerade noch genug Fahrt, um Ruder im Schiff zu haben. Die Morgenwache vergeht mit Segeltrimmen und Leinenkunde, damit wir unsere Posten ohne die Anleitung der Stammbesatzung finden und auch keinen Blödsinn anrichten. Zum ersten Mal habe ich Brückenwache. In jeder Wache müssen fünf Spezialwachen im stündlichen Wechsel besetzt werden:

Ausguck
auf dem Vorschiff. Falls etwas gesichtet wird, muß die Brücke mit einem Glockensignal benachrichtigt werden. Ein Glockenschlag für ein Objekt an Steuerbord, zwei für Backbord und drei für etwas recht voraus3.1.
Rudergänger
steht am Ruder und hält möglichst genau den angegebenen Kurs.
Mann über Bord Ausguck
am Heck, damit keiner ungesehen verlorengeht.
Feuerwache
der tägliche Spaziergang. Viertelstündlich eine Patroullie durch das Schiff auf einer vorgegebenen Route, damit nichts anbrennt.
Brückenwache
hier muß auf Telephon und Sprechfunk geachtet werden. Man hat außerden die Möglichkeit, sich auf den Monitoren der Brücke über die augenblickliche Position und Windstärke zu informieren.

Auf der Brücke ist die „Stadsraad Lehmkuhl“ mit den modernsten Navigations- und Schifführungsgeräten ausgestattet. Ein Radar warnt vor anderen Schiffen; auch Regenböen sind darauf zu erkennen, so daß rechtzeitig etwas unternommen werden kann. Ein sich näherndes Schiff wird vom Wachoffizier über Funk angerufen, und die meisten kommen der Bitte nach, uns achtern zu passieren, wenn sie erfahren, daß wir ein Segelschulschiff sind.

Ein weiterer Monitor zeigt Anfangs- und Zielpunkt der Reise, die augenblickliche Position und Fahrt und die nötige Durchschnittsgeschwindigkeit zur termingerechten Ankunft.

Nach dem üppigen Mittagessen genießen wir das schöne Wetter. Entgegen aller Annahmen präsentiert sich der Atlantik im Oktober mit sommerlichen Temperaturen und leichten Winden. Die Ruhezeit bis zur nächsten Wache ist nötig, da sich die ungewohnten Arbeiten doch etwas bemerkbar machen, vom Holen sind die Hände recht empfindlich, und auch etwas Muskelkater macht sich bemerkbar.

In der Abendwache bergen wir alle Rahsegel, da der Wind fast gänzlich eingeschlafen ist. Unter Maschine geht es weiter. In der verbleibenden Zeit wieder Segelkunde, damit auch bald alles sitzt

Mein Kopf gewöhnt sich langsam an die neue Umgebung, mir fallen viele Dinge ein, die ich noch in Spetzgart gelernt habe. Ich stelle fest, daß dort ein reicher Grundstock an nautischem Wissen gelegt wurde. Jetzt kann ich rasch darauf zurückgreifen, und bald habe ich die wesentlichen Dinge begriffen.

Nach Wachende lasse ich wieder die grandiose Himmelsszenerie auf mich wirken. Todmüde klettere ich in meine Hängematte. Ich habe mich eingewöhnt und schlafe wie ein Stein

13.10.2001

Morgens läuft die ,,Stadsraad Lehmkuhl„ wieder unter Segeln. Die Grüne Wache hat die unteren Rahsegel gesetzt. Wir setzen Fock und Großsegel. Der Wind hat auf Nordost gedreht und bläst mit Stärke fünf bis sechs. Die „,Stadsraad Lehmkuhl“ segelt hoch am Wind. Es steht ein alter Schwell. Ein tropischer Sturm liegt südöstlich von uns und zieht nordwärts. In der Karibik soll Karen, so heißt das Tief, als Hurrikan ganz schön gewütet haben. Der Seegang fordert jetzt die ersten Opfer, deshalb fällt das Mittagessen noch üppiger aus als sonst, da einige doch nicht die rechte Lust zum Essen verspüren. Gegen Mittag sichten wir Delphine, sie spielen eine Zeitlang um das Schiff, nach einiger Zeit verschwinden sie wieder. Ihre Neugier scheint befriedigt zu sein. Der Wind legt konstant zu, und der Seegang wird immer höher. Wir geben die Royal- und Bramsegel auf. In Luv kommt jetzt Spritzwasser über, wir geben auch die oberen Stagsegel auf. Von zehn bis elf Uhr abends stehe ich auf Ausguck. Ich kann die Hand vor Augen nicht erkennen. Wir fahren in völliger Finsternis. Der Bug kämpft sich über die jetzt etwa acht Meter hohen Wellen, ich komme mir vor wie auf einer Achterbahn. Die Hängematte ist angenehm ruhig nach den ungewohnt heftigen Bewegungen des Abends.

14.10.2001

Der Wind hat etwas nachgelassen, wir haben bis auf den Besan alle Segel gesetzt. Wir haben frische nordwestliche Winde zu erwarten. Die Seekrankheit fordert noch einige Opfer. Manchmal nehmen Regenschauer die Sicht. Wir machen gute Fahrt.

Der Wind dreht immer achterlicher. In der Abendwache stehe ich von elf bis zwölf am Ruder. Der Wind kommt jetzt direkt von achtern. Die ,,Stadsraad Lehmkuhl„ ist deshalb schwer auf Kurs zu halten. Ich muß mich auch an das hydraulische Ruder gewöhnen. Da kein Ruderdruck zu spüren ist, muß man sich am Ruderlageanzeiger orientieren.

15.10.2001

Der Wind hat auf drei nachgelassen, es ist wieder sonnig, und wir fühlen uns wie in der Sommerfrische. Am Nachmittag hält John, der Shipsergeant, wieder einen Vortrag über den Atlantik. Wir üben Shanty-Singen. Nachts werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Wir haben jetzt etwa ein Viertel der Strecke zu den Azoren hinter uns.

16.10.2001

Karen, das tropische Sturmtief, ist endgültig weg. Wir genießen Sommerfische pur. Am Nachmittag beobachten wir fliegende Fische rund ums Schiff. Abends bergen wir die Rahsegel und laufen unter Maschine weiter.

17.10.2001

Wir laufen immer noch unter Maschine ostwärts. Nachmittags gibt der Erste Navigationsunterricht. Das ist alles bekannt, hier kann ich wieder auf das alte Wissen zurückgreifen. Ich habe heute Dienst in der Caféteria. Deshalb habe ich wachfrei und kann mich dem Müßiggang hingeben. Ich habe den Dienst von Fiona übernommen, die sich gestern wohl einen leichten Sonnenstich eingefangen hat. Die übliche Bekleidung ist ein T-Shirt. Nachts ist der Himmel überwältigend. Mittags haben wir etwa zwei Meilen achteraus einige Wale gesichtet. Abends setzen wir wieder Segel. Das Wetter ist sommerlich, und wir laufen mit fast zwölf Knoten unter Segeln.

18.10.2001

Es kann kaum besser werden, wir laufen mit über dreizehn Knoten unter Segeln. Am Himmel Schönwetterwolken. Milde Temperaturen. Es ist unglaublich, ich hatte mit kaltem und hartem Wetter gerechnet und entsprechende Kleidung mitgenommen. Zum Glück habe ich reichlich T-Shirts für diese Sommerfrische. Am Abend gibt der Segelmacher Phillip eine Einführung in die Kunst der seemännischen Handarbeiten. Wer will, kann auch einen Zampel aus alten Segeln nähen. Wenn alle Segel getrimmt sind, ist es ein Genuß, zu spüren, wie sich die ,,Stadsraad Lehmkuhl“ durch die See gräbt.Am Nachthimmel zeigt sich zum ersten Mal eine schmale Mondsichel. Ich habe das Gefühl, direkt in den Himmel zu segeln. Im Ausguck ist es schwierig zu entscheiden, ob das Licht voraus ein Hecklicht oder ein Stern ist, der sich gerade über die Kimm schiebt.

19.10.2001

Leichter Regen begrüßt uns an Deck, die Royals werden gesetzt und alle Rahen getrimmt. Um neun Uhr morgens dann eine Regenböe. Der Wind dreht um 100 Grad. Wir müssen rundbrassen. Die Freiwache wird an Deck geholt, und in einer großen gemeinsamen Anstrengung brassen wir alle zehn Rahen gleichzeitig rund. Danach werden alle Stagsegel und der Besan geschiftet. Als alles getan ist, sind wir alle recht ausgepumpt, aber auch stolz, weil doch alles reibungslos geklappt hat. Langsam werden wir immer besser. Abends dann wieder Sterne und milde Temperaturen. Ein Frachter passiert uns eine Seemeile voraus.

20.10.2001

Voraus sind vormittags die Masten der ,,Christian Radich“ zu erkennen, der Rumpf ist noch unter der Kimm. An Steuerbord passiert uns ein Tanker. Nur die Aufbauten sind über der Kimm zu sehen. Am späten Nachmittag überholen wir die ,,Christian Radich“. Ich hoffe, die Aufnahmen gelingen, wann treffen sich in unserer Zeit noch zwei Segler inmitten des Atlantiks. Wir beobachten einen grandiosen Sonnenuntergang. Solche Anblicke sind selten. Ich hoffe, die gemachten Aufnahmen zeigen wenigstens einen Abglanz dieser Pracht.

21. – 22.10.2001

Wir laufen immer noch mit elf bis vierzehn Knoten, das Wetter ist weiterhin mild und sonnig. Wir beschäftigen uns mit Unterricht in Navigation und Segelnähen. Sobald die Segel getrimmt sind, ist Schiffskunde oder sonstiger Unterricht angesagt.

Wir nähern uns den Azoren mit Macht.

23.10.2001

Morgens sichten wir Pico, die erste Insel der Azoren. Sie ist etwa fünf Meilen an Backbord schemenhaft im Dunst zu erkennen. Wir sind vier Tage zu früh. Morgen werden wir vor Saõ Miguel auf Rede ankern und am Donnerstag früh in Ponta Delgada einlaufen.

24.10.2001

Seit morgens liegen wir bei Baia da Capella vor Anker. Jetzt wird Reinschiff gemacht und alles Messing auf Hochglanz poliert. Am späten Nachmittag strahlt alles zur Zufriedenheit des Sergeants. Danach nehmen wir ein Bad im Atlantik. Abends veranstalten wir an Deck ein Bordfest. Zum ersten Mal wird Bier ausgeschenkt. Kapitän Seidl mischt sich unters gemeine Volk, und bald werden unter seiner Leitung Shantys und andere Lieder gesungen. Weit nach Mitternacht kehrt dann Ruhe ein.

25.10.2001

Frühmorgens gehen wir Anker auf und laufen unter Maschine um die nahe Inselspitze herum. Schon um neun Uhr kommt der Hafenlotse von Ponta Delgada an Bord, und bald liegen wir an der Außenmole des Inselhafens. Zoll und Agenten kommen an Bord. Jetzt muß noch einklariert werden, und dann geht’s auf zum ersten Landgang nach mehr als zwei Wochen.